Bibelarbeit mit der Dortmunder Pfarrerin Dr. Kerstin Schiffner. Foto: Stephan Schütze

Es ging um „einen der feministischen Hass- oder Lieblingstexte“ der Bibel, so die Dortmunder Pfarrerin Kerstin Schiffner, die in der überfüllten Stadtkirche St. Marien zusammen mit dem Hildesheimer Neutestamentler Carsten Jochum-Bortfeld eine Dialog-Bibelarbeit am letzten Programmtag des Kirchentags hielt.

Die Geschichte der sündigen Frau, die in ein Gastmahl hineinplatzt, zu dem Jesus geladen ist, sich vor ihn wirft ihn mit ihren Tränen benetzt, mit den Haaren trocknet und mit teurem Öl salbt. Alle Anwesenden, zuerst der Gastgeber Simon, sind nicht begeistert von der Szene. Aber Jesus wendet sich der Frau zu und spricht sie frei. „Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!“

Irritiert wie die Gastgemeinschaft in der Geschichte waren zunächst auch die Gäste in der Marienkirche. Denn Kerstin Schiffner und Carsten Jochum-Bortfeld zogen sich, nachdem sie den Text vorgetragen hatten, zurück und forderten die Besucherinnen und Besucher auf, sich im Gespräch miteinander die biblische Szene vor Augen zu führen. Gemurmel, ungläubiges Gelächter; das hatten die meisten in der Bibelarbeit nicht erwartet. Aber schnell wurde es lauter in der Kirche, der Austausch in spontanen Gruppen funktionierte.

Sie wollten den Bibeltext aus dem Lukas-Evangelium, in dem es endlich auch mal um eine Frau gehe, ein wenig gegen den Stricht bürsten, so Kerstin Schiffner. Sie und Carsten Jochum-Bortfeld zeichneten zunächst ein Bild der Situation. Ein Gastmahl zu biblischen Zeiten war ein gesellschaftliches Ereignis. Da schmückte sich der Hausherr gerne mit angesehenen Gästen, etwa dem bekannten Prediger aus Nazareth.

In einen solchen Event platzt die wenig angesehene Frau. Aus ihr bricht alles heraus, ihre Verzweiflung, ihre Tränen. Ihr Auftritt ist schamlos – „Gott sei Dank durchbricht sie alle Grenzen der Scham“, so Kerstin Schiffner. Aus dem gelehrten Disput der illustren Gesellschaft über Glaubensfragen, der auch etwas Spielerisches habe, sei damit Ernst geworden, so Kerstin Schiffner. Durch Jesus Zuspruch – auch wenn er auf den ersten Blick wenig empathisch sei – schaffe die Frau vor aller Augen einen Neuanfang. Sie wird gerettet, auch durch ihr Vertrauen, das sie als letzte Kraftreserve aufbringe.

Diese Freiheit auf Dauer zu leben, brauche indes Freiraum, so Jochum-Bortfeld. Den müssten alle Menschen im Umfeld, in der Stadt, in der Gesellschaft gewähren. Da sei es den Menschen zur Zeit Jesu nicht anders ergangen als heute. „Es ist Euer Job, diesen Freiraum zu ermöglichen“, appellierte er an die Kirchentagsbesucher. Wie im Haus von Simon auch hier in der Marienkirche.