Trauermarsch beim Kirchentag gegen das Sterben im Mittelmeer

„Öffnet die Grenzen“ – das war der dringende Appell von Ahmadou und Idrissa. Die beiden Rapper aus Westafrika haben am eigenen Leibe erfahren, was es heißt Flüchtling zu sein und über das Mittelmeer zu fliehen. Sie haben überlebt, andere nicht – auch andere aus ihrem Flüchtlingsboot. Ihren Appell haben sie musikalisch vorgetragen bei der Abschlusskundgebung der Aktion „Jeder Mensch hat einen Namen“, die gegen das zehntausendfache Ertrinkenlassen im Mittelmeer protestiert.

Die „Seebrücke Dortmund“ hat die Aktion initiiert. Sie wird unterstützt vom Evangelischen Kirchenkreis Dortmund, der Evangelischen Kirche von Westfalen, der Evangelischen Kirche von Deutschland, der Evangelischen Kirche im Rheinland, vom DGB und dem Schauspiel Dortmund.

Zwei Tage lang lagen mehrere Transparente auf dem Platz der alten Synagoge vor dem Theater aus, auf denen Gäste des Kirchentages und Freiwillige der Seebrücke die Namen der im Mittelmeer Ertrunkenen geschrieben haben – insgesamt 35.597 Tote seit 2002. Die Aktion „Jeder Mensch hat einen Namen“ fordert, alle Menschen aus Seenot zu retten, das Sterben an den europäischen Außengrenzen zu beenden und die Menschenrechte zu wahren. „Wir wollen“, so Alt-Superintendent Paul-Gerhard Stamm von der Seebrücke, „jedem Menschen die Würde zurückgeben, die er im Mittelmeer verloren hat.“

Öffnet die Grenzen – zumindest für die von der Sea Watch geretteten mehr als 40 Menschen könnte das Wirklichkeit werden. Seit etlichen Tagen verwehrt ihnen die italienische Regierung eine Landung in einem italienischen Hafen. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche von Deutschland, konnte auf der Kundgebung berichten, dass er in Kontakt mit der Bundesregierung stehe und nach Verhandlungen jetzt „ein Licht am Horizont“ erscheint. Wahrscheinlich können die Flüchtlinge nächste Woche in Deutschland aufgenommen werden. „Ich verspreche, jeden Tag werde ich nachbohren, bis das ´Go` da ist.“

Doch diese 40 Menschen können nur der Anfang sein. „Das 1.000fache Sterben macht uns sprachlos,“ sagte Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. „Unsere eigene Würde ist in Gefahr, wenn wir daran nichts ändern.“ Für Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen ist das Mittelmeer ein „Tränenmeer, eine Schande für Europa“. Sie freute sich darüber, dass „Jeder Mensch hat einen Namen“ Akzente setze gegen ein „Weiter so“.

Harte Worte fanden Repräsentanten der Seebrücke und von Sea Watch. Die Situation sei „katastrophal“ und die Todesrate auf einem „Rekordhoch“. Die Politik der Migrationsverhinderung und Abschottung habe einen höheren Stellenwert als die Menschenrechte. Man lasse, so der Vorwurf, „Menschen bewusst sterben.“ Das habe auch Folgen für uns selbst. Denn dadurch „ist die Demokratie in Gefahr.“

Nach der Kundgebung hat ein Trauerzug vom Platz der alten Synagoge die Transparente bis zur Stadtkirche St. Reinoldi getragen. Hier wurden sie am Turm aufgehängt. Eine Woche lang sollen sie hier weithin sichtbar sein bis sie durch die ganze Bundesrepublik reisen.

„Auch der Evangelische Kirchenkreis Dortmund hat sich hier klar positioniert“, bekräftigte Superintendentin Heike Proske. Seine Synode hat kürzlich spontan und eindrücklich den Palermo-Appell unterstützt, in dem der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und der Bürgermeister von Palermo Leoluca Orlando eine schnelle politische Lösung des Flüchtlingsdramas gefordert haben.

Am Nachmittag verabschiedete der Deutsche Evangelische Kirchentag eine Resolution, die die Forderung nach schneller Hilfe unterstreicht. „Als Kirche dürfen wir dem Scheitern der europäischen Regierungen nicht zusehen“, heißt es in der Resolution. Die EKD und ihre Gliedkirchen werden aufgefordert, „selbst mutig zu handeln: Schickt selbst ein Schiff in das tödlichste Gewässer der Welt. Ein Schiff der Gemeinschaft, der Solidarität und der Nächstenliebe.“